Youngtimer im Test: Impression BMW M635 CSi und M6 Gran Coupé - Zwei Schwarze M

15 Jan - BMW
Der eine gehört der ersten BMW Sechser M-Generation an, der andere, auch ein BMW M6, ist inmitten eines Überangebots an automobilen Kampfmaschinen schlicht einer von vielen. Foto: SP-X/Patrick Broich

Ein BMW M635 CSi, Anfang der Achtziger mit atemberaubenden 210 kW/286 PS war damals nicht der einzige Kracher auf der Straße. Egal, ob überpotente Aston Martin, schreiende Lamborghini, großvolumige Mercedes-V8 an der 300 PS-Grenze, Jaguar- oder Ferarri-V12, exklusive Bentley oder Rolls-Royce und rasende Porsche 928 oder 911 Turbo - es gab genügend Chancen, mit einem M635 CSi Gegner auf Augenhöhe oder sogar höher zu treffen - ob nun auf der Autobahn oder an der Tankstelle, für die Super Verbleit noch kein Fremdwort war. Doch die Stückzahlen der Supercars waren geringer und ebenso die Wahrscheinlichkeit, eines der Exemplare auf dem Aldi-Parkplatz zu finden.

Heute übersteigt die Zahl der Varianten alleine des BMW-Angebots dieser Leistungsklasse die Grenze der Übersichtlichkeit. Aktueller M6, aber welcher? Cabrio? Coupé? Oder Gran Coupé? Ja, Gran Coupé klingt gut. Diese neumodische Schöpfung, die in Wirklichkeit ja gar keine ist, - schon Rover hatte mit dem P5 in den Sechzigern ein viertüriges Coupé - vereint eine halbwegs ernstzunehmende Praxistauglichkeit mit der Eigenschaft eines Saison-Fahrzeugs, das man höchstens bei schönem Wetter aus der Garage holen mag.

Schönes Wetter kommt einem inzwischen betagten M635CSi genauso entgegen wie dem brandneuen M6 Gran Coupé. Was haben die beiden Autos eigentlich gemein abgesehen von der Tatsache, aus der gleichen Schmiede zu stammen: der BMW M GmbH? Hier entstehen Autos, die zu den außergewöhnlichen Produkten der Marke gehören und daher auch gesonderte Preislisten haben. Es ist so ein bisschen wie der Vergleich zwischen Italienisch und Latein. Die Sprachen sind eindeutig verwandt und liegen doch so weit auseinander, dass nur der Kenner den Durchblick hat.

Oldtimer-Fans mit dem alten Bayern auf der Shoppinglist (ab 35.000 Euro gibt es ordentliche) bekommen jedenfalls einen ausgesprochenen Dynamiker. Mit fast 300 Pferden an der Hinterachse fährt man auch einem noch so drehmomentstarken Vertreter-TDI von heute locker davon, vorausgesetzt, man traut sich, dem Hochdrehzahl-Motor Feuer zu geben. Die Drehzahlmesser-Nadel des Vierventilers gleitet über die schnörkellose Skala wie das heiße Messer durch die Butter. Dabei schreit der Reihensechser kehlig, macht Druck im Kreuz und rennt der 200 km/h-Marke hurtig entgegen. Unter 5.000 Touren weht allerdings ein fast frappierend laues Lüftchen, das vor allem verwundert, wenn man vorher M6 anno 2015 gefahren hat.

Nachdem BMW in dieser Liga 2005 schon beim fünf Liter großen Zehnzylinder-Sauger angekommen war, hat der Hersteller die Downsizing-Ära mit einem V8 (4,4-Liter-Biturbo) eingeläutet. Das, was der Kunde hier geboten bekommt, ist mit schnöden Wörtern kaum zu beschreiben. Es gibt in Verbindung mit dem so genannten M Driver's Package 423 kW/575 PS auf die Hinterachse, und auch die Höchstgeschwindigkeit ordnet sich dann nicht der freiwillig gewählten 250 km/h-Grenze unter. Stattdessen lassen die Verantwortlichen das Coupé über 300 km/h rennen und machen ihn somit zum Porsche-Jäger. Bassig in der Teillast und kehlig gegen Drehzahlende - nicht in jedem Betriebsbereich ist der Achtzylinder als solcher herauszuhören. Mit Hilfe des siebenstufigen Doppelkupplungsgetriebes zoomt sich der alltagstaugliche Supersportler (vier Türen) in Windeseile auf jedes Tempo, das ist eindrucksvoller als die maschinenmusikalische Begleitung. Es dauert kaum länger als zwölf Sekunden, bis sich die Tachonadel bei 200 km/h einpendelt. Der Zweitonner kommt aber verdammt schnell auch wieder zum Stillstand - gut dosierbar und brutal zupackend gibt sich das Pedal, Herrscher auf Wunsch über leistungsfähige Keramik-Scheiben (8.800 Euro Aufpreis).

Wer mit dem agilen Schwergewicht unbedingt auf den Kurs möchte, hat diverse Fahrprogramme zur Auswahl, die unterschiedliche ESP- und Fahrwerk-Kennlinien bewirken. Über derartigen Schnickschnack können Fahrer des drei Jahrzehnte älteren und 500 kg leichteren Top-Sechsers nur müde lächeln, der übrigens ein ganz schön knackiges Sechsgang-Getriebe hat. Hier war die Welt noch weitgehend analog, und der einzige wirkliche Luxus neben dem Antrieb besteht aus Antiblockiersystem und der Klimaanlage.

Immerhin, ein "großer" Bordcomputer als Infotainment-Quelle liefert so aufschlussreiche Dinge wie Durchschnitts-Verbrauch oder Reichweite - letztere kann sogar wichtig werden, vor allem, wenn man gerade kein Navi zur Hand hat im Falle der aufflackernden Reserve-Leuchte. Fast schon dürre Sportsitze mit auffälligen und effektiven Seitenwangen beim 80er-M stehen üppigen Fauteuils im vielseitigen Neuwagen gegenüber, die gleichermaßen Halt in Kurven und Komfort auf langen Strecken bieten.

Bevor das Topsportler-Paar nun getrennte Wege fährt, blicken wir noch unter die Motorhauben. Während der E24 seinen Reihensechser samt mächtiger Ansaugrohre stolz zur Schau trägt, versteckt das auf den Werkscode F12 hörende Coupé seinen High-Tech-V8 beinahe schon verschämt unter viel Plastik. Äußerlich schlicht sind wiederum beide, die Doppelauspuffanlage des einst 91.250 Mark teuren Oldie-Sechsers ist geradezu gewöhnlich, während die vier Endrohre des Gran Coupés (ab 131.400 Euro) nur wachsamen Menschen auffallen. Alleine das matte Schwarz des Fotofahrzeugs - offensichtlich cooler Trendlack aus Sicht des Herstellers - sorgt öfter mal für Aufmerksamkeit beim Tankstopp.
BMW M635 CSi - technische Daten:
Zweitüriges Sportcoupé (Bauzeit 1984 bis 1989), Länge: 4,76 Meter, Breite: 1,73 Meter, Höhe: 1,37 Meter, Radstand: 2,63 Meter
3,5-l-Reihensechszylinder-Otto mit Vierventiltechnik, 210 kW/286 PS, maximales Drehmoment: 340 Nm bei 4.500 U/min, Vmax 255 km/h, 0-100 km/h in 6,4 s
Ehemaliger Neupreis (1985):  ab 91.250 DM
Heutiger Marktpreis nach Classic Data
Note 1:  46.400 Euro
Note 2:  30.100 Euro
Note 3:  14.700 Euro
BMW M6 Gran Coupé - technische Daten
Viertüriges Sportcoupé, Länge: 5,01 Meter, Breite: 1,90 Meter, Höhe: 1,39 Meter, Radstand: 2,96 Meter
4,4-l-V8-Otto-Direkteinspritzer mit Vierventiltechnik, 412 kW/560 PS (423 kW/575 PS mit M Driver's Package), maximales Drehmoment: 680 Nm bei 1.500 bis 5.750 U/min, Vmax 250 km/h (305 km/h mit M Driver's Package), 0-100 km/h in 4,2 s, Grundpreis ab 131.400 Euro (SP-X) (motor-traffic.de)

Bild: Der eine gehört der ersten BMW Sechser M-Generation an, der andere, auch ein BMW M6, ist inmitten eines Überangebots an automobilen Kampfmaschinen schlicht einer von vielen. Foto: SP-X/Patrick Broich

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