Test: VW Polo GTI - Auf der Suche nach dem verlorenen Gefühl

18 Mär - Volkswagen Polo
Heute stehen wir vor dem Polo GTI, der nicht nur ebenfalls das sportliche Kürzel trägt, sondern sich von seinen Abmessungen her (knapp 4 Meter Gesamtlänge) viel eher mit dem Ur-GTI vergleichen lässt, als der aktuelle Golf GTI Foto: VW

Das Kürzel GTI steht bei Autofahrern für die sportliche Speerspitze gängiger Volumenmodelle, im Volksmund werden sogar häufig Nicht-VW-Modelle so bezeichnet. Obwohl die Schreibweisen der Wettbewerber für deren Leistungs-Träger meist mehr oder weniger stark abweichen. Bei älteren Autofahrern ruft die Buchstabenkombination GTI darüber hinaus nicht selten sogar nostalgische Gefühle hervor, schließlich gilt vielen der erste Golf GTI von 1976 als der einzig wahre. Damals waren dessen 110 PS in einem bürgerlichen Kompaktwagen eine Sensation.

Heute stehen wir vor dem Polo GTI, der nicht nur ebenfalls das sportliche Kürzel trägt, sondern sich von seinen Abmessungen her (knapp 4 Meter Gesamtlänge) viel eher mit dem Ur-GTI vergleichen lässt, als der aktuelle Golf GTI. Ein genauerer Blick offenbart allerdings auch gleich die Unterschiede: Im ersten Golf GTI mussten die 110 PS nur 810 Kilo Leergewicht bewegen. Der seit Februar in Deutschland erhältliche Polo GTI wiegt knapp 1,3 Tonnen, für deren Beschleunigung allerdings auch satte 192 Pferdestärken bereitstehen.

Trotz dieser Unterschiede hofften wir insgeheim, dass uns der Polo in GTI-Ausführung vielleicht ein wenig vom lange verlorenen Gefühl einer spielerischen Leichtigkeit zurückbringen würde. Ein Gefühl, dass der perfekte Straßenrenner Golf GTI einem Alt-GTI-Nostalgiker trotz überzeugender Leistungswerte nicht mehr geben kann. 
Es muss nicht unbedingt erwähnt werden, dass unser in rot gekleideter GTI der stärkste Polo aller Zeiten ist - sieht man von Rallye-Derivaten wie dem Polo R WRC (220 PS) mal ab. Es muss allerdings unbedingt erwähnt werden, dass er in diesem Dress und mit den üblichen GTI-Insignien wie speziellen Stoßfängern und dem eigenständigen Kühlergrill, den ausgestellten Türschwellern und den 17-Zoll-Leichtmetallrädern richtig scharf aussieht.

Ein Eindruck, der sich im Innenraum zunächst nicht einstellt. Natürlich gibt es auch hier die zu erwartenden Zutaten: straffe Stoffsitze, eine Pedalerie in Alu-Optik und ein Lederlenkrad mit roten Ziernähten zum Beispiel. Doch es dominiert der nüchterne Cockpit-Aufbau des Serienmodells. Was wir übrigens nicht unbedingt als Nachteil empfunden haben.

Jetzt aber los auf die Straße. Denn Herzstück des Polo GTI ist natürlich sein Motor, der 1,8-Liter-Turbobenziner stammt aus der gleichen Familie, wie der stärkere 2,0-Liter im Golf GTI. Das verheißt nicht nur Gutes, das ist gut. Denn praktisch vom ersten Gasstoß an geht das Aggregat bissig zur Sache. Was bei einem Blick auf die Daten nicht wundert: Die maximalen 320 Newtonmeter stehen fast über das gesamte im Alltag genutzte Drehzahlbank zur Verfügung, exakt zwischen 1.450 und 4.200 Umdrehungen und knapp darunter oder darüber drückt ebenfalls noch mehr als genug Kraft auf die Kurbelwelle.

Schon nach wenigen Metern freuen wir uns darüber, dass unser Wunsch nach einem Handschaltgetriebe erhört und unser Polo nicht mit dem ebenfalls erhältlichen DSG-Getriebe ausgerüstet wurde. Das spart nicht nur knapp 1.500 Euro, sondern erhöht auch den Fahrspaß. Denn die sechs Gänge lassen sich derart präzise und knackig schalten, dass es eine einzige Freude ist.

Die Stärken des Power-Polo liegen natürlich auf den schnellen Strecken, die dazu noch gerne kurvig ausfallen dürfen. Hier überzeugt nicht nur der drehfreudige TSI, auch das sportlich abgestimmte Fahrwerk passt perfekt. Da wird es schon schwierig, den Reifen in schneller Kurve wenigstens mal ein leises Quietschen zu entlocken. Noch was zu den Fahrleistungen: Die 236 km/h Spitze konnten wir leider nie ausprobieren, die 6,7 Sekunden für den Spurt auf 100 km/h schon. Und: die stimmen. Zumindest so ungefähr.

Dass wir in Anbetracht der Leistungsfähigkeit trotzdem nicht in völliges entzücken ausbrechen hat bei näherer Betrachtung zwei Gründe: Zum einen ist der Polo GTI einfach ein wenig zu perfekt, als dass er echte Reminiszenzen an den Ur-GTI aufkommen lassen könnte. Zum anderen lässt sich Zeit natürlich auch mit einem noch so tollen Auto nicht einfach so zurückholen.

Seine Perfektion kann man dem Polo allerdings nicht wirklich vorwerfen. Denn er schafft souverän den Spagat zwischen Alltagstauglichkeit und Fahrmaschine. Wobei sein ungestümer Drang nach vorne in der Stadt schon einen sehr sensiblen Gasfuß voraussetzt, wenn man nicht dauernd zwischen Gas und Bremse hin und her springen will. Ansonsten ist der für heutige Verhältnisse kleine Polo auch ein toller Stadtwagen, selbst wenn sein Kofferraum etwas klein ausfällt. Also unbedingt mit vier Türen bestellen (Aufpreis: 800 Euro), dann passen auch alle Supermarkttüten bequem rein.

Wenn wir schon beim Preis sind, müssen wir auch über das wohl größte Manko des Polo GTI sprechen. Mit Handschaltgetriebe und vier Türen ruft Volkswagen 23.075 Euro für das kleine Geschoss auf. Wer sich aus der langen Aufpreisliste bedient, wird keine Schwierigkeiten haben, auch 30.000 Euro auszugeben. Für einen Kleinwagen - auch wenn er motorisiert ist wie ein Mittelklasse-Modell - ist das einfach eine Menge Geld. Ein Trost: Bei einem Golf GTI startet die Preisliste heute schon bei knapp 30.000 Euro. So gesehen, lassen sich mit etwas Verzicht bei Leistung, Platz und Ausstattung fast 7.000 Euro sparen. Und so gesehen, ist der Polo GTI dann auch in dieser Hinsicht eher ein Nachfolger des Ur-GTI.

Technische Daten:
Fünftüriger, fünfsitziger Kleinwagen; Länge: 3,98 Meter, Breite: 1,68 Meter, Höhe: 1,44 Meter, Radstand: 2,47 Meter, Kofferraumvolumen: 204 - 882 Liter
1,8-Liter-Turbobenziner, 141 kW/192 PS, maximales Drehmoment: 320 Nm zwischen 1.450 und 4.200 U/min, 0-100 km/h: 6,7 s, Vmax: 236 km/h, Durchschnittsverbrauch: 6,0 Liter/100 Kilometer, CO2-Ausstoß: 139 g/km, Abgasnorm: Euro 6, Effizienzklasse: D, Testverbrauch: 8,2 Liter
Preis: ab 22.275 / 23.075 Euro (Drei-/Fünftürer)

Kurzcharakteristik:
Alternative zu: Ford Fiesta ST, Opel Corsa OPC, Peugeot 208 GTi
Passt zu: GTI-Nostalgikern, Gas-Genießern, Eilig-Einkäufern,
Sieht gut aus: vor, in und nach der Kurve

(SP-X) (motor-traffic.de)

Bild: Heute stehen wir vor dem Polo GTI, der nicht nur ebenfalls das sportliche Kürzel trägt, sondern sich von seinen Abmessungen her (knapp 4 Meter Gesamtlänge) viel eher mit dem Ur-GTI vergleichen lässt, als der aktuelle Golf GTI Foto: VW

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