Test: Volvo S60 D4 - Es sind nur Kleinigkeiten

8 Jan - Volvo
Der Volvo S60 ist nicht mehr ganz neu, aber immer noch sehr schick. Foto: Volvo

Seit Anfang vergangenen Jahres offeriert Volvo die Mittelklasse-Limousine S60 mit einem der neuen Downsizing-Dieselmotoren. Der erzeugt aus zwei Litern Hubraum 133 kW/181 PS und soll nebenbei mit knapp vier Litern Diesel im Schnitt auskommen. Tatsächlich? Wir haben es ausprobiert.

Vier, genau genommen 4,1 Liter Diesel in einer Limousine, die mit 3er BMW oder Mercedes C-Klasse konkurriert, sind allemal kein schlechter Wert, zumal sie mit 400 Newtonmetern Drehmoment einhergehen. Allerdings gilt für diesen Volvo das gleiche wie für ziemlich alle verkleinerten Motoren: Sie sind vor allem auf dem Prüfstand Knauser. Im richtigen Leben werden die Abweichungen von der Vorgabe schnell recht groß.

Unter Zuhilfenahme lausigen Wetters und eines sehr leichten Gasfußes, der die Tachoanzeige die 100 km/h-Marke bestenfalls streicheln lies, kamen wir auf Bordcomputer-Werte von 5 bis 5,5 Liter. Bewegt man die Limousine etwas angemessener, aber noch immer im Rahmen der Richtgeschwindigkeit, hat man eine sechs vor dem Komma, aber noch keinerlei Begründung, warum man ein Auto mit 180 PS geordert hat. Nutzt man die Pferdchen zumindest ab und an zu kürzeren Sprints, ergibt sich ein Testverbrauch von 7,5 Litern, was prozentual doch ein gutes Stück vom Laborwert weg ist. Aber diesbezüglich ist der Volvo bzw. sein Motor wie gesagt kein Einzelfall.

Widmen wir uns lieber den erfreulichen Aspekten. Der S60 ist schick. Das Design - nordisch unterkühlt, dabei elegant sportiv - wirkt edel und das will die schwedische Limousine auch sein. Die Verarbeitung ist top. Alles ist so solide, wie man es von einem Volvo erwartet. Die Achtgang-Automatik schaltet zudem unmerklich. Das Fahrwerk, zwischen kommod und sportlich abgestimmt, harmoniert sicherlich mit den Ansprüchen der allermeisten Nutzer. Die Sitzposition für den Fahrer ist gut einstellbar. Allerdings ist der S60 kein Raumwunder. Wer mehr Platz, vor allem hinten will, sollte eine Nummer größer kaufen.

Ein Unternehmen, das Sicherheit besonders groß schreibt, wartet in der etwas kompakteren Businessklasse, der der S60 zuzuordnen ist, fast mit allem auf, was an Assistenzsystemen zu haben ist. Allerdings tun sich Spurhaltesysteme im Winter schwerer, weil Markierungen gerne von Schnee bedeckt sind. Nicht wetterabhängig ist eine Unart der Volvo-Verkehrsschild-Erkennung. Sie kennt offensichtlich keine deutschen Ortsschilder und zeigt deshalb nach Passieren eines solchen beharrlich 70 km/h oder freie Fahrt an, um dann schnurstracks in den Fußgängerzonenmodus zu wechseln, wenn das entsprechende Schild auftaucht. Unpraktisch ist auch das Fehlen einer Anzeige für das Licht. Natürlich brennt das Tagfahrlicht und die Sensorik schaltet das Abblendlicht zuverlässig ein. Aber an hellen, gleichwohl nebligen Tagen hätte man gerne eine Kontrolle, ob man denn nun für den Restverkehr sichtbar ist oder nicht.

Diese befindet sich am Drehschalter für das Licht links unten am Armaturenbrett und ist aus keiner normalen Fahrposition heraus zu sehen. Dabei wäre im Display sicherlich noch Platz gewesen. Das wurde übrigens mit der jüngsten Überarbeitung zwar schicker, aber nicht unbedingt praktischer. Relativ viel Platz nehmen Tankuhr und Ganganzeige ein, der Drehzahlmesser ist dafür nur mehr ein schmales Band, das sich den Raum noch mit zwei Bordcomputerwerten teilen muss. Außer man schaltet in die Dynamik-Optik. Dann protzt er als zentrales Instrument in der Mitte der Tafel mehr Sport vor, als der gemeine Volvo-Fahrer abzurufen geneigt sein wird.

Liebe Designer, nicht alles was schön aussieht, ist auch praktisch, aber an manchen Stellen im Auto ist praktisch einfach besser. Das gilt ganz allgemein auch für die Bedienung des Infotainmentsystems, dessen Kombination aus Drehdrückstellern und Direktwahltasten zwar grundsätzlich gekonnt wirkt, im Detail aber zu umständlich ist. Warum man zum Beispiel das bestens integrierte Telefon nicht am Lenkrad mit einer einfachen Taste auflegen kann, haben wir nicht verstanden.

Ebenso wenig übrigens, warum man den Kofferraum zwar mit der Funkfernbedienung entriegeln kann, er sich dann aber nicht zumindest so entrastet, auf das man die Klappe an beliebiger und hoffentlich sauberer Stelle öffnen kann. Stattdessen entriegeln per Funk, dann die Taste betätigen, die den Kofferraumdeckel öffnet, anschließend Hände waschen - zumindest im Winter. Dass die Rückfahrkamera mangels Spritzschutz nur sehr verschwommene Bilder liefert: Geschenkt - das ist auch bei anderen Premiummarken unnötigerweise oft der Fall.

Alles für sich genommen sind es nur Kleinigkeiten, die das Bild des S60 in der Premium-Mittelklasse trüben und die man bei einem gut ausgestatteten Testwagen zum Preis von rund 55.000 Euro nicht unbedingt erwartet. Das Basismodell mit dem neuen D4-Motor gibt es ab übrigens ab 36.000 Euro. Das macht die unfeinen Details allerdings nicht besser. Schön ist der S60 übrigens trotzdem.

Volvo S60 D4 - Technische Daten
Fünfsitzige, viertürige Mittelklasse-Limousine, Länge: 4,64 Meter, Breite: 1,87 Meter (2,10 Meter mit Außenspiegeln), Höhe: 1,48 Meter, Radstand: 2,78 Meter, Kofferraumvolumen: 380 Liter
2,0-Liter-Dieselmotor, Achtstufen-Automatik, 133 kW/181 PS, maximales Drehmoment: 400 Nm bei 1.750 bis 2.500 U/min, Vmax: 230 km/h, 0-100 km/h: 7,4 s, Durchschnittsverbrauch: 4,1 Liter/100 km, CO2-Ausstoß: 107 g/km, Effizienzklasse: A+, Abgasnorm: Euro 6
Preis ab 36.000 Euro

Kurzcharakteristik
Alternative zu: Mercedes C-Klasse, Audi A4, BMW 3er-Serie
Passt zu: Mercedes-Fahrern mit schwedischen Verwandten
Sieht gut aus: wenn man perfekt-unterkühltes nordisches Design mag (SP-X) (motor-traffic.de)

Bild: Der Volvo S60 ist nicht mehr ganz neu, aber immer noch sehr schick. Foto: Volvo

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