Seat 20V20 - Der Traum vom Aufstieg

31 Mär - SEAT
Nachdem sich die spanische VW-Tochter langsam aus dem Tal der Tränen gearbeitet hat, gibt die Studie 20V20 den Weg für die nächsten Jahre vor. Foto: Seat

Angel Lahoz wirkt ein bisschen müde. Aber viel Schlaf hat der Spanier in den letzten Monaten auch nicht abbekommen. Denn Lahoz ist der technische Projektleiter der Studie 20V20, mit der Seat Anfang März auf dem Genfer Salon einen Ausblick auf einen großen Geländewagen im Format des Audi Q5 gegeben hat. Werden solche Showcars ohnehin schon mit heißer Nadel gestrickt, war dieses Projekt zeitlich besonders knapp kalkuliert, stöhnt der freundliche Spanier. Erst im September hatte Designchef Alejandro Mesonero mit den finalen Zeichnungen angefangen und der Bau des realen Autos begann tatsächlich exakt am 24. Dezember. Wo die Kunsthandwerker in der Regel sechs bis neun Monate für so ein Projekt brauchen, blieben ihnen jetzt gerade noch drei, erzählt Lahoz. Kein Wunder, dass in der Werkstatt neben der Seat-Zentrale in Martorell zwischendurch sogar ein paar Pritschen standen und am Ende wirklich rund um die Uhr an der Studie gearbeitet wurde.

Jetzt, wo die Messe vorbei und das Auto heil zurück in Spanien ist, hätte sich der Projektleiter eigentlich mal ein bisschen ausruhen können. Doch der Stress geht gleich weiter. Denn kaum ist das Auto runter vom Stand, muss es auch schon auf die Straße - selbst wenn es fürs erste nur im besseren Schritttempo über einen abgesperrten Rundkurs rollt. Schließlich verfolgen die Spanier mit dieser Studie ernsthafte Absichten. "Der 20V20 zeigt, wo wir uns in vier, fünf Jahren sehen", sagt Designchef Mesonero. Und weil ein geschätzt 40.000 Euro teures SUV von mehr als 4,50 Metern Länge ein ganz schöner Brocken ist für eine Marke, die bislang vor allem für Kleinwagen stand und in den letzten Jahren obendrein als Sorgenkind im VW-Konzern gehandelt wurde, kann man das Publikum nicht früh genug in die Aufstiegspläne mit einbinden.

Also geht das Schaulaufen der Studie munter weiter und Lahoz zittert um das millionenschwere Einzelstück, während es ein paar Journalisten wie mit Samthandhandschuhen in Richtung Zukunft fahren. Später soll das mal richtig schnell gehen. Schließlich fußt die Studie auf dem modularen Querbaukasten des VW-Konzerns, der bei den Dieseln bis zu 240 PS, bei den Benzinern sogar 300 PS und natürlich auch einen Plug-in-Hybrid hergibt. Heute allerdings macht dem 20V20 selbst der 265 PS starke Turbo aus dem Leon Cupra nicht so recht Beine. Zu filigran ist die Konstruktion, zu empfindlich sind die handgefrästen 20-Zöller und zu weich ist die Bremse, als dass man hier irgendetwas riskieren könnte.

Also muss man das Kopfkino bemühen. Und diesem Film bietet der 20V20 genau die richtigen Kulissen: Draußen eine Rennstrecke in der Pampa und drinnen ein stark auf den Fahrer zugeschnittenes Digital-Cockpit samt Streckenplan und Telemetriedaten; dazu noch eine Sitzposition, die trotz des guten Überblicks nicht abgehoben wirkt, ein griffiges Lenkrad, tief ausgeschnittene Sitze mit gutem Seitenhalt und eine hohe Mittelkonsole - schon flimmert hinter der Stirn ein rasantes Roadmovie.

Genau wie schon beim Leon und mehr noch beim Kombi Leon ST setzt Seat dabei auf eine gelungene Kombination aus Raum und Raffinesse. Denn auf der einen Seite ist der 20V20, ein ausgesprochen schnittiger und sportlicher Vertreter seiner Art, der mit scharfen Kanten, schnellen Schwüngen und coolen Kurven selbst einem BMW X6 die Schau stiehlt. Und auf der anderen Seite ist der Geländewagen ein echter Praktiker. Denn obwohl die Kabine auf den großen 20-Zöllern vergleichsweise schlank und flach ist, bietet der 4,66 Meter lange Geländegänger bei 2,79 Metern Radstand bequem Platz für fünf Personen und mehr als 600 Liter Gepäck.

Der 20V20 will aber nicht nur beim Spagat zwischen athletischem und alltagstauglichem Design brillieren und Geländewagen wie den Honda CR-V, den Nissan Qashqai und ja, auch den Audi Q5, zu Langweilern stempeln. Seat will sich vielmehr mit diesem Showcar auch als Hightech-Marke für Elektronik und Infotainment positionieren. Nicht umsonst tagt daheim in Barcelona mit dem Mobile World Congress jedes Jahr der größte Smartphone-Gipfel, und nicht ohne Grund haben die Spanier vor ein paar Tagen eine Kooperation mit Samsung bestätigt.

Was dabei heraus kommen könnte, hat Designchef Mesonero beim 20V20 mit "The Core" schon einmal vorweg genommen. Das ist ein Handschmeichler so groß wie ein Keks aus der Prinzenrolle, zwei Zentimeter dick, aus Aluminium gefräst und voll gestopft mit Chips. Die speichern nicht nur die Zugangsdaten zum Auto, sondern auch alle persönlichen Informationen des Besitzers, seine Einstellungen im Fahrzeug, seine Kontakte, seine Facebook-Freunde, sein gesamtes digitales Leben. "Und sobald man The Core auf dem Mitteltunnel des 20V20 ablegt, ist das Auto Teil dieser Welt und diese Welt Teil des Autos", strahlt Mesonero, dem die Idee für diesen zentralen Steuer-Puck gekommen ist, als er mit seinen Töchtern zum ersten Mal den Action-Film "Iron Man" gesehen hat. Und genau wie den elektrischen Roller unter dem Kofferraumboden für die letzten paar hundert Meter auf der Strandpromenade oder den Ramblas ist dieses digitale Datenbündel im Alukern für ihn keine Spielerei. "Vielleicht kommt es schon früher als das Auto selbst", orakelt der Designer.

Dann allerdings müssten sich die Ingenieure schon ein bisschen ranhalten. Denn auch wenn Seat jetzt erst einmal einen kompakten Geländewagen auf Basis des neuen Tiguan bringt und dann vielleicht noch ein kleiner Crossover als Antwort auf Mazda CX-3 und Renault Captur kommt, ist das große SUV viel mehr als nur eine Fingerübung.

Wenn man Mesonero nach den Zukunftsaussichten für das SUV fragt, spielt deshalb ein verschmitztes Lächeln über seine Lippen. Den Name Vision Veinte Veinte hätten sie der Studie schließlich nicht umsonst gegeben. Allerdings erzählt der Designchef danach so leidenschaftlich von den positiven Reaktionen auf der Messe und mehr noch beim Management in Wolfsburg, dass es Projektleiter Lahoz ganz anders wird. Denn so, wie die Führungskräfte mittlerweile über den Aufstiegskandidaten sprechen, drohen den Ingenieuren wahrscheinlich bald schon wieder ein paar Überstunden. Aber ohne Arbeit kein Aufstieg.

(SP-X) (motor-traffic.de)

Bild: Nachdem sich die spanische VW-Tochter langsam aus dem Tal der Tränen gearbeitet hat, gibt die Studie 20V20 den Weg für die nächsten Jahre vor. Foto: Seat

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