Fahrbericht: Mercedes CLA Shooting Brake - Schön mit Nutzwert

10 Mär - Mercedes-Benz

Am Anfang der Mercedes-Kompaktklassenära stand die A-Klasse und nur die A-Klasse. Wie die Zeiten sich ändern: Heute treten nicht weniger als fünf Baureihen in der Gruppe der Frontantriebsarchitektur an. Jene Baureihen, an denen die Fans der Marke anfangs schwer zu schlucken hatten - denn ein Mercedes muss ja einfach Hinterradantrieb haben -, sind inzwischen zum Erfolg geworden. Den traditionsunbelasteten Konsumenten stört es nicht, welche Räder mit Drehmoment versorgt werden und notfalls bestellt man eben einen Allradantrieb dazu.

Jetzt legen die Untertürkheimer nach und bieten das Coupé CLA zusätzlich als Shooting Brake an. Dieser Begriff steht bei Mercedes für die Sparte der Lifestyle-Kombis. Ob die Optik nun gefällt oder nicht, mag jeder Interessent mit sich selbst ausmachen, aber mit umlegbaren Rücksitzen und damit bis zu 1.400 Litern Gepäckraumvolumen reicht der jüngste Kompakte aus Stuttgart schon fast an die etwas biedere B-Klasse heran und übertrifft die A-Klasse deutlich, was handfeste Vorteile in Sachen Nutzwert angeht. So viel Mehrwert strapaziert das Portemonnaie, denn mit einem Grundpreis von 29.809 Euro will die Exklusivität teuer erkauft werden. Die knapp 600 Euro Preisunterschied zum normalen CLA wiederum dürfen als moderat bezeichnet werden. Entscheidet man sich für das AMG-Topmodell, werden 57.268 Euro fällig. Eine A-Klasse ist zwischen 5.000 und 7.000 Euro günstiger - nur mal so als Tipp für kühle Rechner.

Das ist einerseits eine Stange Geld, doch andererseits ist der CLA Shooting Brake gar nicht so kompakt, wie die Modellstruktur suggeriert. So misst der Kombi 4,63 Meter und ist der C-Klasse damit dicht auf den Fersen, während er einen 3er von BMW sogar übertrifft.

Dabei müssen es übrigens nicht immer die PS-Boliden sein. Eine Ausfahrt mit dem 90 kW/122 PS starken Basis-Modell CLA 180 zeigt, dass der 1,6-Liter-Vierzylinder keineswegs asthmatisch ist. Schon die Werksangabe klingt mit 9,4 Sekunden bis 100 km/h und 210 Sachen in der Spitze nicht übel. Der Benziner entfaltet seine Leistung trotz Turbo eher linear, dreht munter durch das Drehzahlband und bleibt akustisch zurückhaltend. Es ist auch kein Fehler, das serienmäßige Sechsgang-Getriebe zu wählen. Der Schalthebel liegt gut zur Hand und die Übersetzungen rasten geschmeidig ein. Der 180er ist sicher kein Sportler, aber auch keineswegs eine lahme Ente. Außerdem gibt er sich mit einem Normverbrauch von 5,5 Litern nicht als Spritfresser und klingt harmonischer als der kernige 2,1-Liter-Diesel.

Wer gar nicht genug Punch bekommen kann, muss zur Power-Variante CLA 45 AMG greifen. Schon erstaunlich, was ein schnöder Zweiliter so alles kann. Der mit Twinscroll-Turbolader ausgerüstete Ottoantrieb pumpt 265 kW/360 PS in den Antriebsstrang. Um die satten 450 Nm Drehmoment wirkungsvoll auf die Straße zu bekommen, die fast über das gesamte Drehzahlband (2.250 bis 5.000 Touren) wüten, reicht der Frontantrieb freilich nicht mehr aus. Daher wird der AMG ausschließlich als 4Matic ausgeliefert. Bei vollem Leistungseinsatz selbst auf griffigem Asphalt muss die elektronisch angesteuerte Lamellenkupplung unweigerlich schließen, um die Hinterachse einzubinden. Je nach Programm donnert das obligatorische Doppelkupplungsgetriebe die Gänge ganz schön rein, es beherrscht aber auch die sanfte Tour in der Stufe "C".

Bei Bedarf schießt der 1,6-Tonner los wie aus einem Katapult, fährt nach weniger als 5 Sekunden auf 100 km/h und erreicht die Topspeed von 250 Sachen in Windeseile. Wem eine Entsperrung der Vmax 2.261 Euro wert ist, kann auch 270 km/h fahren. Engagierte Sounddesigner haben dem Triebwerk das Schnauben gelehrt, so dass der Schmerz über den fehlenden Sechszylinder etwas leichter überwunden werden kann. Wenn das Budget eine untergeordnete Rolle spielt: bitte unbedingt zur Orange Art Edition greifen. Die zahlreich verbauten orangefarbenen Akzentteile (insbesondere Felgen, Kühlergrill und Polster) sehen einfach heiß aus, kosten mit über 8.000 Euro aber auch unverschämt viel Geld.
Apropos Polster: Die Sportsessel sind trotz drahtiger Ausrichtung noch komfortabel und schmiegen sich angenehm an den Körper. Extremer geht es mit den AMG Performance-Sitzen für 2.142 Euro Aufpreis - bei überwiegender Autobahn-Nutzung und gelegentlichen Ausflügen auf die kurvige Landstraße kann man aber auch mit den konventionellen Stühlen wunderbar leben. Das gilt auch für das Raumangebot. Vor allem in der ersten Reihe geht es luftiger zu als in manchem Wettbewerber - so wirkt beispielsweise ein Dreier-BMW deutlich enger geschnitten.

Ein paar Gedanken sollten sich die Infotainment-Spezialisten aus Stuttgart einmal darüber machen, ob man die Bedienung der zügig rechnenden Navi-Einheit nicht ein wenig intuitiver gestalten könnte. Dafür sind die klassischen Rundinstrumente übersichtlich, der tabletartige TFT-Monitor modisch und die Verarbeitung mindestens solide. Kurzum: Der CLA Shooting Brake bietet eine gelungene Mischung aus Lifestyle, Praxistauglichkeit und einem Schuss alter Mercedes-Tugend.

Mercedes CLA Shooting Brake - Technische Daten:
Viertüriges Coupé zwischen Kompakt- und Mittelklasse, Länge: 4,63 Meter, Breite: 1,78 Meter, Höhe: 1,44 Meter, Radstand: 2,70 Meter
1,6-Liter-Turbobenziner, 90 kW/122 PS, maximales Drehmoment: 200 Nm bei 1.250 bis 4.000 U/Min, Vmax: 210 km/h, 0-100 km/h: 9,4 s, Durchschnittsverbrauch: 5,5 l/100 km, CO2-Ausstoß: 128 g/km, Effizienzklasse B, Preis: ab 29.809 Euro
2,1-Liter-Turbodiesel, 130 kW/177 PS, maximales Drehmoment: 350 Nm bei 1.400 bis 3.400 U/Min, Vmax: 228 km/h, 0-100 km/h: 8,3 s, Durchschnittsverbrauch: 4,0 l/100 km, CO2-Ausstoß: 105 g/km, Effizienzklasse A+, Preis ab: 39.061 Euro
2,0-Liter-Turbobenziner, 265 kW/360 PS, maximales Drehmoment: 450 Nm bei 2.250 bis 5.000 U/Min, Vmax: 250 (auf Wunsch 270) km/h, 0-100 km/h: 4,7 s, Durchschnittsverbrauch: 6,9 l/100 km, CO2-Ausstoß: 161 g/km, Effizienzklasse C, Preis: ab 57.268 Euro
 
Mercedes CLA Shooting Brake - Kurzcharakteristik:
Alternative zu: BMW 3er-Touring, Audi A3/RS3 Sportback, VW Golf Variant R
Passt zu: Menschen, die Vernunft (Raum) und Extravaganz (Optik) verbinden wollen
Sieht gut aus: in der Orange Art Edition (AMG)
Wann kommt er: jetzt
(SP-X) (motor-traffic.de)


Bitte warten...