Fahrbericht: Land Rover Discovery Sport - Ich bin zwei Autos

Der Discovery Sport will sowohl reinrassiger Geländewagen als auch familientaugliches SUV sein Foto: Land Rover

Landläufig betrachtet ist ein Land Rover etwas fürs Große und Grobe. Wie der raubeinige Klassiker Defender, der einst zusammen mit dem US-Jeep Europa befreite und immer noch auf keiner Safari fehlen darf. Oder das Riesenschiff Discovery, das mit seinem Gardemaß von 4,83 Metern bis zu sieben Plätze bietet und durch sein angehobenes Hinterteil unverwechselbar ist. Dagegen war der kleine Brite mit Namen Land Rover Freelander ein richtiger "Normalo", gerade mal 4,50 Meter kurz, vergleichsweise erschwinglich und auch mit reinem Frontantrieb zu haben. Ausgerechnet der fliegt jetzt aus dem Programm der Traditionsmarke. Doch keine Sorge, der Nachfolger ist um vieles besser. Weil er in einem Auto das Beste aus beiden Land Rover-Welten bietet. Two in One sozusagen.

Island im Dezember. Die Sonne zeigt sich verschämt um 10.30 Uhr, um gegen 16.00 Uhr wieder hinter dem Horizont zu verschwinden. Dazu ein eisiger Wind, Schneeverwehungen und spiegelblanke Straßen. Das unwirtliche Terrain der Insel im hohen Norden erschien den Marketingexperten von Land Rover wohl als ideales Testfeld für den neuen Discovery Sport, wie der neue "Freelander" jetzt heißt. Dabei hat er weder mit seinem Vorgänger noch mit seinem großen Bruder etwas gemein. Sein Gen-Spender ist vielmehr der trendige Kassenschlager Evoque, der allerdings den Familiennamen der Edelmarke Range Rover tragen darf. "Bis zur zweiten Dachsäule haben beide Modelle viele Gemeinsamkeiten", erklärt Baureihen-Chef Paul Cleaver, der vom Rücksitz aus die Fahrt durch den Winter begleitet. "Die Heckpartie wirkt völlig anders, weil der Discovery Sport um mehr als 23 Zentimeter länger ist als der Evoque und auch eine andere Hinterachse hat, die mehr auf Komfort als auf Sportlichkeit ausgelegt ist". Gemeinsam ist beiden das deutlich nach hinten abfallende Dach.

Komfort ist aber nicht wirklich gefragt, um den Discovery auf den mit festgefrorenen Schneerillen übersäten Bergstraßen nicht zu dicht in Richtung der schroffen Abhänge geraten zu lassen. Der schon aus den anderen Modellen bekannte elektronische Beifahrer greift beruhigend ein, bevor die mit Spikes bestückten Reifen den Halt verlieren. Das auf verschiedene Situationen einstellbare System (Schnee, Eis, Sand oder Matsch) versorgt den Discovery Sport mit der jeweils idealen Reaktion des Allradantriebs, der Neungang-Automatik und der Lenkung. Es ist ein wesentlicher Teil der hervorragenden Geländeeigenschaften, die die Marke von jeher auszeichnen. Nichts anderes als souveränes Fortkommen auch bei autofeindlichem Wetter ist also von einem echten Land Rover zu erwarten. Zumal unter zwei Allradsystemen gewählt werden kann: Permanent oder variabel.

Da sich jedoch auch typische Kunden nur selten abseits fester Straßen bewegen, kommt die andere Seite des Discovery Sport ins Spiel. Frei nach dem Motto: "Ich bin zwei Autos" ist er reinrassiger Geländewagen und Familienkombi zugleich. Denn trotz des großstadttauglichen Außenmaßes von 4,59 Metern kann er wie der große Discovery mit einer dritten Sitzreihe geordert werden. Deren beiden versenkbaren Plätze sind zwar gerade noch für Halbwüchsige geeignet, aber dennoch höchst praktisch, wenn ein Shuttle zum Kindergeburtstag oder auf den Sportplatz ansteht. "Wichtig war uns, dass wir einen in dieser Klasse nicht üblichen Komfort bieten können", betont Paul Cleaver und nennt die in der Länge verschiebbare zweite Sitzreihe, den variablen Kofferraum und einen netten Gag: Jeder Sitz hat einen eigenen USB-Anschluss. Außerdem haben die Fondpassagiere besseren Durchblick nach vorne: Reihe zwei steht 5 Zentimeter höher als das Frontgestühl, Reihe drei sogar 7 Zentimeter.  Mit diesem "Theatergefühl" punktet bereits der große Discovery.

Unter der Motorhaube des Testwagens begegnet man einem guten Bekannten. Der 2,2-Liter-Diesel mit 140 kW/190 PS wirkt wie auf den Discovery Sport zugeschnitten, auch wenn das Zusatzversprechen "Sport" nur begrenzt eingehalten wird. Die 8,9 Sekunden auf Tempo 100 werden leistungshungrige Fans noch für gerade ausreichend halten. Die Spitze von 188 km/h klingt auf den ersten Blick dagegen enttäuschend. Aber: Auch ein gleichstarker Audi Q 5 ist nur 4 km/h flotter. Außerdem müssen fast 1,9 Tonnen Leergewicht gestemmt werden, obwohl diverse Karosserieteile aus Aluminium sind. Im Testbetrieb unter den erwähnten Bedingungen kam dennoch dank präziser Neungang-Automatik und üppiger Durchzugskraft (420 Nm) jede Menge an Fahrspaß auf. Der so motorisierte Discovery Sport genehmigte sich rund 8,5 Liter je 100 Kilometer. Im deutschen Normalverkehr wird die Marke von 10 Litern sicher schwer zu unterbieten sein.

Und die Preise? Das Einstiegsmodell (2,0-Liter-Diesel, 110 kW/150 PS) mit Frontantrieb kostet 32.250 Euro. "Sein Anteil an den Verkäufen wird unter fünf Prozent liegen", meint Deutschland-Chef Peter Modelhart. "In den Augen der Kunden muss ein Land Rover einfach Allradantrieb haben". Der von uns gefahrene Discovery Sport kostet in der einfachsten Version 34.400 Euro, mit Automatik nochmal 2.350 Euro mehr. Packt man auch nur einen Teil der zahllosen Feinheiten aus der dicken Preisliste in seinen Wunsch-Landy, werden schnell über 50.000 Euro fällig. Dann allerdings gibt es reizvolle Extras wie Rundumkamera, feinstes Leder, eine Anbindung von Smartphone-Apps, viele Assistenzsysteme oder die erwähnten Zusatzsitze. Ein nützliches Extra allerdings ist serienmäßig und in der SUV-Klasse nur beim Land Rover zu haben: Im Falle eines Falles entfaltet sich - ähnlich wie bei Volvo - zwischen 24 und 48 km/h unterhalb der Windschutzscheibe ein Fußgänger-Airbag. Ein nachahmenswertes Beispiel.

Land Rover Discovery Sport SD 4 - Technische Daten
Fünftüriges, fünf- bis siebensitziges SUV der Mittelklasse; Länge: 4,59 Meter, Breite: 2,10 Meter, Höhe: 1,72 Meter. Radstand: 2,74 Meter Kofferraumvolumen: 829-1.698 Liter (Siebensitzer 193 Liter)
2,2-Liter-Dieselmotor, 140 kW/190 PS, maximales Drehmoment: 420 Nm bei 3.500 U/min., Neungang-Automatik, Allradantrieb, Vmax: 188 km/h, 0-100 km/h: 8,9 s, Normverbrauch: 7,4 l/100 km, CO2-Ausstoß: 166 g/km, Abgasnorm: Euro 5
Preis ab: 36.750 Euro

Land Rover Discovery Sport - Kurzcharakteristik:
Alternative zu: Audi Q 5, Range Rover Evoque, Kia Sportage und vielen anderen
Passt zu: Evoque-Fans mit mehrköpfigem Anhang
Sieht gut aus: ein verlängerter Evoque - richtig stylisch.
Wann kommt er: ab Ende Februar 2015
Was kommt noch: Land Rover schweigt beharrlich - vielleicht ein SUV-Coupé? (SP-X) (motor-traffic.de)

Bild: Der Discovery Sport will sowohl reinrassiger Geländewagen als auch familientaugliches SUV sein Foto: Land Rover

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